Cuore - Arbeit© und Phronetik® Irmgard Maria Starke
Cuore - Arbeit©und Phronetik® Irmgard Maria Starke

Das phronetische Menschenbild: Du sollst Dir kein Bildnis machen

 

 

 

Für diejenigen unter Ihnen, die sich nun fragen, was denn phronetisch bedeutet eine kurze Erklärung:

Das Wort Phronetik ist aus dem philosophischen Begriff der phronesis abgeleitet, der einerseits Einsicht bedeutet und andererseits praktische Klugheit, mit deren Hilfe der Einzelne ausfindig machen kann, was für ihn das richtige Verhalten ist. In die phronesis finden sowohl das Denkvermögen als auch die Sensibilität Eingang, ihr Ort ist das "Zwischen": Zwischen Verstand und Wahrnehmung, zwischen Erkenntnis und Erfahrung, um in einem sensiblen Denken und einer leiblichen Intelligenz wieder zum Vorschein zu kommen, immer wieder bezogen auf den Einzelfall und die jeweilige Situation.  

 

Dieser Zwischenraum bestimmt das Menschenbild der Phronetik.

 

Es entwickelte sich auf der Grundlage traditioneller Menschenbilder, biografischer Erfahrungen mit Menschen und aus meinen Erfahrungen in der Begleitung von Menschen. So gibt es ein post – nämlich das, was aus der Tradition heraus als Bild erwachsen ist, und aufgegriffen worden ist, - ein hic et nunc – nämlich die lebendigen Erfahrungen unserer kulturellen und sozialen Zusammenhänge – und ein prae – etwas, was in den Gestaltungen in der Begleitung von Klienten sichtbar wird wie auch in Kunstwerken und auf ein Bild verweist, das vielleicht erst in ein paar Jahren eine sprachliche oder lebenspraktische Ausformung erhalten kann. Phronetik bleibt mit ihrem Menschenbild näher an den Fragestellungen des Erkennens , als an dem Entwurf eines menschlichen Ideals. Sie stellt nicht die Frage: Wie ist der Mensch, wie soll er sein? Sondern die Frage lautet: Wie erkenne ich mich und den Anderen als Menschen und wie ist der Mensch beschaffen? Was macht ihn als Menschen aus? Und wie kann er sich und sein Leben ihm entsprechend gestalten?

 

Als soziales Wesen, als „sekundärer Nesthocker“ ist der Mensch von Haus aus nicht einfach, was er ist. Er ist ein Werdender und gleichzeitig ein Sich Bildender. Er ist sich zugleich gegeben und er ist sich aufgegeben. Gegeben ist ihm eine Wesenhaftigkeit, die nicht beliebig ist, sondern ihn als Menschen und speziell als diesen Menschen ausmacht. Aufgegeben ist ihm, diese Wesenhaftigkeit durch Handlung und Einsicht wirklich werden zu lassen.

So ist der Mensch eingebettet in seine ureigenen Bedingungen und Möglichkeiten. Die Bedingung des Menschen ist tatsächlich die, dass er Mensch ist. Das klingt wie ein unsinniger Ausspruch. Doch denken wir einmal an unsere eigenen existentiellen Krisen, in denen wir so gerne und so dringend alles andere sein möchten – mehr, größer, kleiner, weniger, mehr Geist oder mehr ursprüngliche Erde. In diesen Krisen erfahren wir, dass es unsere Bedingung ist, Mensch zu sein, auch gerade dieser Mensch zu sein und nichts anderes. Nehmen wir diese Bedingung an, macht sie uns keine Schwierigkeiten mehr, sondern eröffnet uns die Freude und die Liebe diesem Mensch-Sein gegenüber. Es eröffnen sich uns die Möglichkeiten des Mensch-Seins. Dies muss nicht immer angenehm erlebt werden. Manche Möglichkeiten können, aber auch müssen wir wählen und wir können und müssen Entscheidungen treffen. Möglichkeiten werden erst durch ihre Ausgestaltungen zu Wirklichkeiten. So bedeutet Möglichkeit auch immer, eine oder mehrere konkrete Antworten zu wählen, also Ver-antwortung zu übernehmen.

 

In der Ver-antwortung wirkt die Freiheit des Menschen und wird dabei gleichzeitig zur gestellten Aufgabe. Die Aufgabe ist die, Möglichkeiten zu wählen, die sowohl den individuellen Bedürfnissen des Menschen entsprechen als auch denen seiner Lebenswelten. Denn der Mensch ist nicht unabhängig von der Welt und die Welt ist nicht unabhängig von ihm. Unser Menschenbild kann nicht beschrieben werden, ohne diese Wechselwirkung mit einzubeziehen. Mensch zu sein bedeutet also nicht einem vorgefertigten Ideal nachzustreben und genauso wenig bedeutet es, eine biologische oder soziale Determiniertheit anzunehmen.

Leben ist dem Menschen gegeben. Es macht ihn aus und er macht das Leben aus. Damit wird das Wesen des Menschen nicht von außen bestimmt, sondern vom Bezug zum Außen, zum Anderen und den Antworten darauf. Die Freiheit des Menschen liegt darin, seine ureigenen Antworten finden zu können, seine „Verdammnis“, wie Sartre es nennt, sie finden zu müssen. Ich sehe den Menschen in diesem „Sich Finden Müssen“ im Unterschied zum Existentialismus jedoch nicht ausschließlich auf sich selber gestellt und gefordert.

Er wird zwar zu sich selbst, ist aber nicht nur aus sich selbst. Er ist aus seinen sozialen, ökologischen, ökonomischen, kulturellen und geistigen Zusammen-hängen. Mein Bild des Menschen ist damit immer nur das Bild von einem individuellen Menschen oder Menschengruppen in ihrer konkreten Gesellschaft. Dieser Bezug ist nicht nur ein geistig-seelischer, sondern auch ein körperlicher. Auch der transzendente Bezug wird auf allen drei Ebenen erfahren und gestaltet. Unser körperliches Erleben endet nicht an der Hautgrenze. Nach Innen kann das Erleben bis auf die Zellebene bewusst werden, nach außen bis zum Erleben des Nicht-Getrenntseins von der Welt. Dadurch, dass der Mensch in der Verantwortung einerseits steht und andererseits in der Verschränkung von Innenwelt und Welt, konstituiert sich der Wertbegriff des phronetischen Menschenbildes nicht aus dem einen oder anderen, sondern aus ihrem wechselseitigen Bezug. Mein Menschenbild ist somit keineswegs wertfrei. Es gibt zwar keinen feststehenden wertenden Kodex (also Moral) doch Entscheidungen aus der Achtung vor sich und vor der Welt heraus (also ethische Entscheidungen). Damit gibt es kein generelles Schlecht, Falsch oder Richtig, sondern die Verantwortung für das Gewordene, das Leben und seine Würde. Die Moral sagt: Das musst du Tun. Das musst du lassen. Das darfst du denken und fühlen, das nicht.

Die ethische Entscheidung sagt: Das kannst und musst du in dieser Situation mit diesem Menschen zusammen in diesem Augenblick tun und beziehe mögliche Auswirkungen mit ein. Nicht externe Auswirkungen wie z.B. die einer Strafe, sondern aus der inneren Entscheidung erwachsende Auswirkungen. Ethisches Handeln verlangt also ein authentisch entwickeltes Gewissen und nicht genormte Entscheidungen aus der tatsächlich stattfindenden Beziehung von Lebewesen in realen Situationen.

Meiner Auffassung nach ist diese Weise des ethischen Handelns tief im Menschen verankert. Ob die Moral den Entscheidungen zustimmen würde ist eine ganz andere Frage.

Die wirkungsloseste Art und Weise, mit Menschenbildern umzugehen, ist anzunehmen, es gäbe falsche und richtige. In der Praxis müssen sie Auseinandersetzung und Widersprüche provozieren. Erst wenn ich ein Menschenbild – gleichgültig wie differenziert es erscheinen mag - in Frage stelle, Fragen stellen kann, anderen Bildern begegnen möchte , bleibt es eine lebendige Hypothese, die einer Welt lebender Menschen annähernd gerecht werden kann. Erst wenn ich das anders Denken, das anders Sein, das Fremde an mich heranlasse, wird die bisherige Grenze zur Verbindungslinie und fruchtbaren Bereicherung. Ich kann begegnen. Letztlich ist es die Erfahrung des Anderen als Du, die die Begegnung von jeder Form der Objektivierung des Anderen, seiner Versachlichung und Instrumentalisierung und gnadenloser Bekämpfung stark unterscheidet . Ich lasse mich treffen von der Wirklichkeit und vom Wesen des Gegenüber wie Romano Guardini es 1955 in "Die Begegnung, Ein Beitrag zur Struktur des Daseins" ausgedrückt hat.

 

Ich beginne, radikal vom Anderen her zu denken, sein Anderssein radikal ernst zu nehmen und mich dabei auch überraschen zu lassen. Überraschen zu lassen auch von bisher mir Unbekanntem, mir Fremden.

 

Vorgefertigte Bilder und Klassifizierungen, unveränderliche Annahmen und Fixierungen auf bestimmte Ursachen oder Wirkungen verstellen diese Möglichkeit. Wir können nicht vorher und erst recht nicht besser wissen, wie dieser Mensch denn sei. Wir müssen uns auf sein Anderssein einlassen, wenn wir erkennen möchten, welche Möglichkeiten ihm aus seinem Sosein erwachsen könnten.

 

Gerade als Künstler und Kunsttherapeuten haben wir die Chance, kreative, schöpferische und neue Wege in der therapeutischen Arbeit zu gehen. Dominierende gesellschaftliche Normen, wie ein Mensch – zum Beispiel eines bestimmten Alters oder bestimmten Geschlechts - zu sein hat und was er zu leisten hat als verbindlich anzunehmen erscheint mir ebenso unbefriedigend wie malen nach Zahlen.

Und ebenso unschöpferisch. Das Aus- und Erfüllen eines vorgefertigten Bildes grenzt ein und behindert. Erst wenn ich mich darauf einlasse, meinen eigenen inneren Bewegungen und Spuren zu folgen, immer wieder neu zuzulassen, entsteht eine befriedigende Lebensgestaltung.

 

Emmanuel Levinas (Philosoph, 1905-1996) hat einmal formuliert: Einem Menschen zu begegnen heisst, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.

 

Wachgehalten zu werden ist ein dauerhafter Prozess. Dieser Prozess unterscheidet sich grundlegend davon, ein Rätsel lösen zu wollen. Es heisst, bereit zu sein, die eigenen Wahrnehmungen immer wieder zu korrigieren, die eigenen Projektionen – auch die der eigenen Normen, also UNSERER Auffassung von Normalität und Lebensgestaltung – immer wieder zurückzunehmen.

Oft projizieren wir in der Begegnung mit einem Menschen unsere Verstehensgrenzen auf ihn. Unsere Einschränkung verstehen zu können wird zur Begrenztheit dessen, den es zu verstehen gilt. Wir verstehen eine Eigenschaft oder ein Verhalten nicht und empfinden den Menschen als andersartig. Bis hierhin sind wir immer noch im Bezug zu ihm. Doch oft folgt dann der Schritt der Klassifizierung dieser Andersartigkeit und wir setzen die spezielle Eigenschaft mit dem Menschen gleich. Bewerten wir dies dann noch zusätzlich unter dem Blickwinkel dominierender Normen, ist die Grenze geschlossen.

Lebendige Beziehung und Wachheit dem Rätsel gegenüber sind nicht mehr möglich.

 

 

Zum Ende dieses Vortrags möchte ich aus dem Tagebuch von Max Frisch zitieren:

 

Du sollst Dir kein Bildnis machen

 

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloss die Dichter, wenn sie lieben, sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie greifen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt-

Nur die Liebe erträgt ihn so.

 

Warum reisen wir?

Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei – (Zitatende)

 

Daher gilt : Wir dürfen uns kein fertiges Bild vom Menschen machen. Wir dürfen nicht glauben, dass wir wissen oder wissen können, wie es wirklich ist. Wir dürfen nicht glauben, dass Wir anderen etwas beibringen können, aber wir können bereit sein, von einem Rätsel wachgehalten zu werden, Fragen zu stellen und Antworten als vorläufig anzunehmen.

 

 



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